Skip to content
zurück zu den Impulsen

thoughts

Wenn Product Owner ihre eigenen Pull Requests öffnen

Dev3 Min. Lesezeit

Das hier ist wahrscheinlich der spekulativste Artikel dieser Reihe. Ich beschreibe nicht, wie die meisten Teams heute arbeiten, sondern wie ich glaube, dass sich Produktentwicklung in den kommenden Jahren verändern wird. Gleichzeitig ist es genau die Richtung, in die ich mich selbst entwickle.

Wenn KI unseren Arbeitsalltag verändert, verändert sie zwangsläufig auch unsere Rolle. Und je besser Product Owner verstehen, wie Software tatsächlich entsteht, desto mehr können sie selbst zu ihrer Entstehung beitragen.

Technologie verstehen statt verwalten

Wer anfängt, selbst Software zu bauen, verändert automatisch seinen Blick auf Entwicklungsprozesse.

Begriffe wie Git, Branches, Pull Requests oder Code Reviews sind dann keine abstrakten Konzepte mehr, sondern Bestandteile eines Workflows, den man selbst erlebt hat. Man versteht, warum Reviews wichtig sind, weshalb niemand leichtfertig auf den Main Branch merged oder warum eine scheinbar kleine Änderung unerwartete Auswirkungen haben kann.

Dieses Verständnis verändert nicht nur die Kommunikation mit Entwicklern. Es erweitert auch die Möglichkeiten eines Product Owners.

Von Anforderungen zu einem ersten Entwurf

Ich glaube nicht, dass Product Owner langfristig ausschließlich Anforderungen schreiben und anschließend darauf warten werden, dass daraus Software entsteht.

Ich glaube, dass sie zunehmend in der Lage sein werden, selbst einen ersten technischen Entwurf zu liefern.

Damit meine ich ausdrücklich keinen produktionsreifen Code. Gemeint ist ein funktionierender Prototyp oder ein erster Implementierungsansatz, der eine Idee greifbar macht. Statt nur über eine Lösung zu sprechen, existiert bereits etwas, das sich anklicken, testen und gemeinsam weiterentwickeln lässt.

Genau daran arbeite ich momentan selbst.

Meine Vorstellung ist ein Workflow, in dem eine Anforderung nicht bei einem Ticket endet. KI erstellt zunächst die Dokumentation, entwickelt daraus einen ersten Codeentwurf, eröffnet einen Pull Request und übernimmt möglichst viele wiederkehrende Aufgaben entlang dieses Prozesses.

Vieles davon ist heute bereits möglich. Moderne Coding Agents können eigenständig Dateien verändern, Tests ausführen, Dokumentation schreiben und Pull Requests vorbereiten. Die Ergebnisse sind noch nicht perfekt, aber sie zeigen bereits, wohin sich Softwareentwicklung entwickelt.

Die Rollen verschieben sich

Dadurch verändert sich aus meiner Sicht nicht nur die Technologie, sondern auch die Zusammenarbeit im Team.

Der Product Owner bringt künftig nicht mehr nur eine Idee oder ein Ticket mit, sondern bereits einen funktionierenden Ausgangspunkt. Entwickler übernehmen anschließend den Teil, in dem ihre eigentliche Stärke liegt: Architektur, Codequalität, Sicherheit, Performance, Skalierung und alle technischen Entscheidungen, die aus einem Prototypen ein zuverlässiges Produkt machen.

KI übernimmt dabei einen Großteil der operativen Arbeit. Sie erstellt erste Implementierungen, generiert Boilerplate-Code, unterstützt bei Tests und Dokumentation und übernimmt wiederkehrende Aufgaben. Menschen bleiben für Entscheidungen verantwortlich.

Das beschleunigt nicht nur die Entwicklung. Es verbessert auch die Kommunikation. Statt über hypothetische Lösungen zu diskutieren, arbeiten beide Seiten am selben konkreten Ausgangspunkt.

Warum Entwickler dadurch wichtiger werden

Manche sehen darin eine Bedrohung für Entwickler. Ich sehe eher das Gegenteil.

Je besser KI darin wird, erste Entwürfe zu erzeugen, desto wertvoller werden erfahrene Entwickler. Denn sie beurteilen, ob ein Ansatz tragfähig ist. Sie verantworten Architektur, Sicherheit, Wartbarkeit und langfristige Qualität.

Genau dort entsteht der eigentliche Wert.

Natürlich funktioniert dieses Modell nur unter einer Voraussetzung: Der erste Entwurf muss gut genug sein, dass sich ein Review überhaupt lohnt. Schlechter KI-generierter Code kann mehr Zeit kosten als komplett neu geschriebener Code. Deshalb bleibt menschliche Kontrolle unverzichtbar.

Ich glaube allerdings nicht, dass wir dauerhaft auf diesem Niveau stehen bleiben. Die Qualität der Werkzeuge verbessert sich in einem Tempo, das ich vor wenigen Jahren für unmöglich gehalten hätte.

Product Owner werden technischer

Für mich führt diese Entwicklung zu einer klaren Veränderung der Rolle.

Product Owner werden keine Softwareentwickler ersetzen. Sie werden aber technischer arbeiten als heute. Sie werden häufiger selbst Prototypen entwickeln, technische Entwürfe erstellen und Pull Requests vorbereiten, bevor ein Entwickler überhaupt mit der eigentlichen Umsetzung beginnt.

Dadurch verschiebt sich der Schwerpunkt ihrer Arbeit. Weniger Zeit fließt in Dokumentation und Übergaben. Mehr Zeit fließt in das gemeinsame Verbessern einer bereits existierenden Lösung.

Ich weiß nicht, wie schnell sich diese Arbeitsweise durchsetzen wird. Vielleicht dauert es noch Jahre. Vielleicht entwickelt sie sich ganz anders, als ich heute vermute.

Ich bin mir aber ziemlich sicher, dass die Richtung stimmt: KI verändert nicht, wer die Verantwortung trägt. Sie verändert, wer den ersten Entwurf erstellt. Und genau das wird aus meiner Sicht die Zusammenarbeit zwischen Product Ownern und Entwicklern nachhaltig verändern.